4. February 2023

Twitterbarometer & Co.: Was bringen Meinungsermittlungen in sozialen Netzwerken?

 

So Sascha Lobo heute auf Twitter, als er sein neues Nebenprojekt (in Kooperation mit buzzrank.de) vorstellte. Beim Twitterbarometer handelt es sich um einen kostenlosen Dienst, der Tweets in Echtzeit auswertet. Gemessen wird die Verwendung von parteibezogenen, positiven oder negativen Hashtags wie #CDU- oder #SPD+. Also den Hashtags der Parteien, die mit einem Plus oder Minus versehen sind.

Der 90 Tage-Trend. Screenshot http://twitterbarometer.de/

Der 90 Tage-Trend. Screenshot http://twitterbarometer.de/

Das Vorgehen mit „+“ und „-“ hinter den Hashtags der Parteien ist einigermaßen praktikabel, da es ein ähnliches Tool (an dem ebenfalls Sascha Lobo beteiligt war) bereits 2009 gab, und es sich seitdem auf Twitter eingebürgert hat, ein „+“ oder „-“ hinter den Hashtags der Parteien zu setzen. Nicht zuletzt deshalb, weil man bei 140 Zeichen froh ist, wenn man durch ein einziges Zeichen seine Meinung ausdrücken kann. Deshalb dürften auch sehr viele Twitter-User, die nichts vom Twitterbarometer gehört haben, ihre Parteien-Hashtags mit „+“ Oder „-“ versehen, es werden also sehr viele Tweets erfasst, beileibe nicht nur von einer kleinen Minderheit, die zufällig von dem Tool gehört hat.

Was Twitterbarometer & Co. nicht leisten können

Was Twitterbarometer sicher nicht leisten kann, ist eine halbwegs tragbare Prognose für die Bundestagswahl abzugeben. Der Grund hierfür ist denkbar simpel, das Gleiche gilt auch für alle anderen Dienste, die Meinungen in sozialen Netzwerken ermitteln: Die Nutzer von sozialen Netzwerken sind einfach nicht repräsentativ. Twitter-Nutzer z.B. sind jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt und dazu auch noch gebildeter. Facebook dagegen dürfte die Bevölkerung deutlich besser abbilden, aber selbst bei dem Massennetzwerk schlechthin dürfte noch eine starke Verzerrung festzustellen sein.

Dazu kommt dann noch im Fall von Twitterbarometer, dass der Dienst nicht unterscheidet, ob ein einzelner Twitter-User (der bei der Bundestagswahl nur eine Stimme hat) hunderte Tweets mit entsprechendem Hashtag absetzt, oder ob hunderte User (die jeweils eine Stimme bei der Bundestagswahl haben) jeweils einen Hashtag mit dem entsprechenden Hashtag absetzen. Durch eine kleine, sehr aktive Gruppe kann das Ergebnis also leicht verzerrt werden, zudem gibt es Gruppierungen wie die Piraten, die Twitter als Medium der politischen Kommunikation ansehen (und dementsprechend viel über Parteipolitik twittern), während diese Neigung bei den Anhängern der anderen Parteien vermutlich nicht so ausgeprägt ist.

Wohl gemerkt, das was über Twitterbarometer gesagt wurde, gilt für fast alle Meinungsermittlungen (und auch Umfragen) in den sozialen Netzwerken, ohne Repräsentativität ist die Aussagekraft der Daten immer limitiert.

Was Twitterbarometer & Co. leisten können

Auch ohne Repräsentativität sollte man Dienste wie Twitterbarometer jedoch nicht als reine, eher nutzlose Spielerei abtun. Sie ermöglichen einen guten ersten Eindruck, wie bestimmte Ereignisse bewertet werden, und das zeitnah. Kein Umfrageinstitut dieser Welt kann (jedenfalls nicht mit den derzeitigen Budgets) Stimmungen im Halbstundentakt abfragen, tägliche Umfragen sind da schon das höchste der Gefühle.

Dagegen können Twitterbarometer & Co. sogar zeigen (Stichwort Second Screen), wie die „Netzgemeinde“ etwa auf beliebte Talkshows reagiert, und welche Argumente von welchen Politikern besonders gut verfangen. Zudem kann man sehr schnell sehen, welche Themen gerade heiß laufen, wer sich im Netz durchsetzt und auch, wer am besten im Netz mobilisieren kann.

 

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Das Ende vom PeerBlog: Digital Relations Learnings?

Es hat sich bereits am Mittwoch abgezeichnet, jetzt wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Das PeerBlog ist definitiv Geschichte. Die Macher hinter dem Blog haben die Reißleine gezogen, aber von einem Mea Culpa kann nicht die Rede sein, stattdessen mussten Hackangriffe als Begündung herhalten (zitiert nach den Ruhrbaronen): „Hinter den Virus- und Trojaner-Attacken steckt die Hacker-Gruppe „T3AM M3DUSA“, die auf Twitter ankündigte, den PeerBlog auf Dauer anzugreifen. Damit bleibt peerblog.de faktisch offline. Wir sehen uns deshalb gezwungen, die Website vom Netz zu nehmen.“

Damit hat man sich eher schlecht als recht aus der Affäre gezogen, was angesichts der bisherigen „Performance“ nicht weiter verwundert. Trotzdem sollte man sich fragen, was für Learnings aus der Unterstützer-Aktion gezogen werden können. Zum einen haben die Macher (bzw. Spender, angeblich hat das PeerBlog gut 100.000 Euro gekostet) die politische Kultur in Deutschland vollkommen falsch eingeschätzt. Es bringt nichts, ständig darauf hinzuweisen, dass solche Unterstützer-Blogs in Amerika gang und gäbe sind, wenn selbiges nicht auch für Deutschland gilt. Was dem Wähler in Texas zusagt, kann für den Wähler in Nordrhein-Westfalen eher abschreckend sein – außerdem funktionieren Wortspiele wie Wenn die Peer Group bloggtnicht, wenn der Kandidat Barack Obama heißt.

Außerdem hat man sich vorher offensichtlich keine Gedanken über die Stärken und Schwächen von Peer Steinbrück gemacht, denn sonst hätte man gemerkt, dass die zumindest derzeit größte Schwäche von Steinbrück das leidige Thema Finanzen ist. Also nicht die Staatsfinanzen, sondern seine persönlichen Finanzen. Und genau auf diese Schwäche hat das Blog eingezahlt. Unternehmer, die mal eben 100.000 Euro an der Parteienfinanzierung vorbei für Steinbrück locker machen – das hätte sich die Opposition nicht besser ausdenken können.

Nicht wenige Blogs haben zudem den schlechten (Schreib)Stil im PeerBlog kritisiert, während anderswo vom Bla-Revier geschrieben wird, kritisieren die Blogger auf ZEIT-ONLINE die Großmannssucht:

Es beginnt mit dem Ton. Der ist manchmal ziemlich plump: “Peer fordert zweites Duell – Merkel kneift”. Das könnte auch von der Pressestelle im Willy-Brandt-Haus kommen.

An anderen Stellen ist der Ton überaus großspurig. Kein geringerer als Barack Obama dient den Peer-Bloggern als Vorbild. Wie man gleich im ersten Absatz der Selbstdarstellung erfährt. Und, ja, auch die “arabischen Revolutionen” bezeichnen die Autoren lässig als ihre geistigen Paten. Kleiner geht es kaum.

Naja, das dürfte vermutlich eher Geschmackssache sein, außerdem müssen PR-Agenturen sich auch immer in ein Thema hineinschreiben, auf Anhieb findet vermutlich niemand den zu 100 Prozent richtigen Ton, auch wenn viele Agenturen das behaupten. Beim Berliner Tagesspiegel hingegen wirft man einen Blick auf die generellen Schwächen von Steinbrücks (digitalen) Auftritt, in einem lesenswerten Kommentar schreibt Christian Tretbar:

Steinbrück fehlt noch immer der Zugang zur Netzwelt. Weder er noch seine Mannschaft haben bisher einen Weg für eine angemessene Kommunikation gefunden. Mag sein, dass er im Netz nicht viel zu gewinnen hat – dafür ist es wohl schon zu spät. Aber er kann noch immer eine Menge dort verlieren.

Was vermutlich stimmt. Weder auf Facebook, noch auf Twitter macht Steinbrück eine gute Figur. Sein Twitteraccount, der fast ausschließlich vom Team gepflegt wird, lebt kaum noch, selbst die Tweets, die mit (ts) gekennzeichnet sind und vom „Team Steinbrück“ stammen, erscheinen nur noch sporadisch, die letzte digitale Auszeit dauerte vom 28. Januar bis heute:

Twitterpause

Statt wenigstens zu versuchen, noch irgendwie auf die Diskussion um das PeerBlog einzugehen, lässt man sich einfach nicht mehr im Netz blicken. Auch eine Form der Krisenkommunikation, aber sicher nicht die, mit der man im Netz Freunde gewinnt. Da schneidet selbst die Kanzlerin besser ab, die um das Netz schlichtweg einen großen Bogen macht – auch wenn das alles andere als weitsichtig ist.

 

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