24/02/2020

Webperlen: Übernahmegerüchte, Werben statt nerven und die Zukunft der Zeitungen

Heute in der Webschau von Görs Communications:

  • Berichte über Milliarden-Deal: Yahoo interessiert sich für Tumblr
  • Werben statt nerven
  • Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch?
  • Zeitungen müssen promiskuitiv werden – beim Geldverdienen
  • Twitter bringt Toolkit für das “Internet der Dinge”
  • BGH: Dürfen Youtube-Videos ohne Erlaubnis der Urheber in Webseiten eingebunden werden?
  • Boris Beckers Bestes „Bb hat heute zahnschmerzen …autsch !“

Das Übernahmekarussell nimmt in der Digitalwirtschaft wieder Fahrt auf, wie SPIEGEL ONLINE berichtet, hat es Yahoo auf Tumblr abgesehen, der Preis für die Blogplattform ist jedoch alles andere als gering:

Das Interesse an Tumblr sei in letzter Zeit aber sehr viel größer geworden. Der Grund: Tumblr wird teurer. Nach Angaben von “AllThingsD” wird der Wert des Unternehmens, das nach eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Blogs eine Heimat bietet, derzeit auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Zum reinen Wert des Bloggernetzwerks von 800 Millionen Dollar kommen noch einmal 125 Millionen Dollar aus einer großen Finanzierungsrunde hinzu.

Die Debatte um die Anti-Adblock-Kampagne der Verlage ebbt nicht ab, wird sogar – zum mindest in Teilen – produktiv. Beim Berliner Tagesspiegel äußert sich jetzt Markus Hesselmann, Redaktionsleiter Online, in einem lesenswerten Kommentar:

Und so hatte der Appell einiger deutscher Online-Portale, doch bitte auf Adblocker zu verzichten, doch noch etwas Gutes. Denn er ist Anlass für diese aktuelle Debatte. Ansonsten halte ich persönlich wenig von solchen Bittgängen. Statt mit Appellen sollten wir unseren Leserinnen und Lesern lieber mit Angeboten kommen. Wir könnten ihnen zum Beispiel unsere Inhalte mit weniger Werbung oder womöglich sogar werbefrei nahe bringen, wenn sie im Gegenzug bereit sind, sich selbst an der Finanzierung zu beteiligen.

Deutlich gereizter, aber auch mit einen guten Argumenten meldet sich Frank Patalong zum selben Thema zu Wort. Patalong, der seit Jahren für SPIEGEL ONLINE schreibt, platzt bei Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch? regelrecht der Kragen:

Forderungen, Werbung unauffälliger zu machen, sind übrigens schlicht bescheuert. Wer so etwas fordert, hat nicht begriffen, worum es bei Werbung geht. Natürlich muss die auffallen, sonst wirkt sie nicht. Und wenn sie nicht wirkt, taugt sie auch nicht als Refinanzierungsbasis für kostenlose Angebote. “Gezieltere”, “personalisierte” Werbung einzufordern ist dann noch der ultimative Blödsinn. Wünschen wir uns wirklich noch mehr Profilierung unser Persönlichkeiten, mehr Schnüffelei, mehr Eindringen in unsere Daten, den Verkauf dieser Daten? Geht’s noch? Ich will das nicht.

Einen Brandbrief aus ganz anderer Richtung hat dagegen Jan Lerch geschrieben. Unter der provokativen Überschrift “Zeitungen müssen promiskuitiv werden – beim Geldverdienen” beklagt Lerch die Eindimensionalität und die Einfallslosigkeit der Nachrichtenportale:

Zum Thema Geldverdienen höre ich in den letzten Jahren immer Werbung und Paid Content, Paid Content und Werbung. Dabei sind zwei Dinge offensichtlich: Klassische Werbung im Netz spielt nur einen Bruchteil dessen ein, was Print gebracht hat, und Paid Content funktioniert vielleicht bei der “New York Times”. Ansonsten gilt: Menschen bezahlen im Netz nur für Inhalte, die sie unbedingt brauchen und anderweitig nicht bekommen können. Darum verdient das “Wall Street Journal” ebenfalls Geld. Menschen lassen sich ihr Portemonnaie auch emotional öffnen, deswegen könnte eine Bezahlapp für den Heimatverein funktionieren. Aber Geld für General Interest? Vergessen Sie es.

Deutlich innovativer zeigt sich dagegen Twitter, der Kurznachrichtendienst will das Toolkit für das “Internet der Dinge” herausbringen:

Warum sollen nur Computer, Smartphones und Tablet-Rechner Kurznachrichten versenden? Eine Kuckucksuhr zum Beispiel könnte ebenfalls Tweets ins Netz schicken – findet jedenfalls Twitter. Der Online-Dienst demonstriert nun anhand einer zwitschernden Standuhr ein Toolkit, mit dem beliebige Objekte Teil des sozialen Netzwerks werden können, berichtet Technology Review in seiner Online-Ausgabe.

Eine ungeklärte Rechtslage mehr, als gäbe es davon im Urheberrecht nicht schon genug. Das BGH hat sich jetzt über die Rechtslage beim Einbetten von Youtube-Videos ohne Erlaubnis der Urheber geäußert:

Das Framing fremder Videos soll künftig als Urheberrechtsverletzung eingestuft werden. Das wünscht sich der Bundesgerichtshof (BGH), der die Frage an diesem Donnerstag aber nicht selbst entschied. Er legte den Fall vielmehr dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg vor, damit dieser eine EU-einheitliche Entscheidung treffen kann.

Mehr bei der taz unter “BGH-Beschluss zum Framing: Der Streit geht auf die höhere Ebene

Und zum Abschluss mal wieder etwas (unfreiwillig) witziges: Die FAZ hat sich die Mühe gemacht, die “besten” Tweets von Boris Becker zu sammeln, unter „Bb hat heute zahnschmerzen …autsch !“ findet man u.a. folgende Stilblüte des Mannes, der vermutlich besser beim Tennis geblieben wäre:

10. Dezember 2012 (zum Friedensnobelpreis für die EU): „Grosser Bewunderer von Angela Merkel! Ich bin sehr stolz und werde Patriot, als Sie Friedensnobelpreis gewonnen hat !!!“

 

Diesen und weitere Blog-Artikel zu Public Relations (PR), Content, Marketing, Digitalisierung und Kommunikation gibt es im Görs Communications Blog auf https://www.goers-communications.de/pr-werbung-beratung/blog

Was wird aus Delicious?

Nachtrag, 2. Oktober 2018: Mittlerweile ist Delicious ganz verschwunden, das Geschäftsmodell zieht in Zeiten von Social Media einfach nicht mehr.

Just when you thought that the site Delicious was dead and gone, it’s back…again.

(TechCrunch)

Totgesagte leben unter Umständen länger: Der Erfolg der nächsten Monate wird aller Wahrscheinlichkeit nach über die Zukunft von Delicious entscheiden. Nachdem sich bei dem Bookmarking-Dienst (zu) lange nichts getan hat, gab es in der letzten Zeit von Delicious wieder ein paar Lebenszeichen – das Unternehmen hat endlich eine neue Browser-Erweiterung und eine App herausgebracht. Außerdem zahlen sich jetzt zwei Neuerungen der jüngeren Zeit aus: Die Stacks, also die thematischen Linklisten, werden von der Community angenommen, zudem führt die erleichterte Anmeldeprozedur über bestehende Twitter- oder Facebookaccounts zu steigenden Nutzerzahlen.

Für Anfang Januar – also spätestens in den nächsten Tagen – hat Delicious schon im vergangenen Jahr ein vollkommen neues Design der Webseite angekündigt (“Big Update Coming to Delicious!”), seitdem kann man sich Screenshots vom neuen Seitenaufbau im Hausblog von Delicious anschauen.

Was an dem neuen Design – abgesehen von der Ähnlichkeit mit dem alten Digg – auffällt: Delicious präsentiert sich deutlich mehr als Community als zuvor, aus einer Plattform, die primär zum Abspeichern von Bookmarks gedacht war, soll sich stärker in Richtung Myspace, Facebook & Co. entwickeln. Angesichts der Konkurrenz sicher ein mutiges Unterfangen, aber Erfolg wäre Delicious auf jeden Fall zu wünschen.

Erfolgreich war Delicious jedenfalls mal: 2003 an den Start gegangen, wurde Delicious schnell zu einem der beliebtesten Dienste bei netzaffinen Nutzern. Der primäre Vorteil, den Delcious bot, war das Speichern der eigenen Bookmarks an einem Ort im Internet, auf den man von allen Rechnern (und Browsern!) der Welt zugreifen konnte – und man die Bookmarks mit Tags verschlagworten konnte, statt wie bisher auf eine starre Ordnerstruktur zurückzugreifen zu müssen.

Die Nutzerzahlen wuchsen schnell, 2006 hatten sich weltweit mehr als eine Millionen User registriert, was damals noch eine hohe Zahl war. Da Delicious sehr schnell eine Netzwerk-Funktion anbot, bei der man sehen konnte, was für Bookmarks die “Freunde” abgespeichert haben, entwickelte sich Delicious in Kombination mit den angebotenen RSS-Feeds zu der Plattform, um interessante Links mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Der Abstieg des ehemaligen Shooting-Stars hatte mehrere Gründe. Zum einen wurde Delicious an Yahoo verkauft, zum anderen wurden wichtige Entwicklungen verschlafen. Yahoo behandelte Delicious eher stiefmütterlich, Delicious konnte daher Twitter, Facebook & Co. relativ wenig entgegen setzen, die Nutzer tauschten zunehmend dort ihre Links untereinander aus. Die Entwicklung zum mobilen Web wurde zudem vollkommen ignoriert, obwohl das einfache Synchronisieren von Links doch eigentlich die Kernkompetenz der Plattform war.

Zur Jahresmitte 2011 hat Yahoo sich dann ganz von Delicious getrennt, neue Eigentümer wurden die ehemaligen YouTube-Gründer Chad Hurley und Steve Chen, die in der ersten Zeit vor allem durch große Ankündigungen auffielen. Bleibt zu hoffen, dass die Ankündigungen jetzt auch endlich umgesetzt werden – Delicious hat schließlich mehr verdient, als als SEO-Spam-Ablage zu enden.

 

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