15/11/2018

Das Ende vom PeerBlog: Digital Relations Learnings?

Es hat sich bereits am Mittwoch abgezeichnet, jetzt wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Das PeerBlog ist definitiv Geschichte. Die Macher hinter dem Blog haben die Reißleine gezogen, aber von einem Mea Culpa kann nicht die Rede sein, stattdessen mussten Hackangriffe als Begündung herhalten (zitiert nach den Ruhrbaronen): “Hinter den Virus- und Trojaner-Attacken steckt die Hacker-Gruppe „T3AM M3DUSA“, die auf Twitter ankündigte, den PeerBlog auf Dauer anzugreifen. Damit bleibt peerblog.de faktisch offline. Wir sehen uns deshalb gezwungen, die Website vom Netz zu nehmen.”

Damit hat man sich eher schlecht als recht aus der Affäre gezogen, was angesichts der bisherigen “Performance” nicht weiter verwundert. Trotzdem sollte man sich fragen, was für Learnings aus der Unterstützer-Aktion gezogen werden können. Zum einen haben die Macher (bzw. Spender, angeblich hat das PeerBlog gut 100.000 Euro gekostet) die politische Kultur in Deutschland vollkommen falsch eingeschätzt. Es bringt nichts, ständig darauf hinzuweisen, dass solche Unterstützer-Blogs in Amerika gang und gäbe sind, wenn selbiges nicht auch für Deutschland gilt. Was dem Wähler in Texas zusagt, kann für den Wähler in Nordrhein-Westfalen eher abschreckend sein – außerdem funktionieren Wortspiele wie Wenn die Peer Group bloggtnicht, wenn der Kandidat Barack Obama heißt.

Außerdem hat man sich vorher offensichtlich keine Gedanken über die Stärken und Schwächen von Peer Steinbrück gemacht, denn sonst hätte man gemerkt, dass die zumindest derzeit größte Schwäche von Steinbrück das leidige Thema Finanzen ist. Also nicht die Staatsfinanzen, sondern seine persönlichen Finanzen. Und genau auf diese Schwäche hat das Blog eingezahlt. Unternehmer, die mal eben 100.000 Euro an der Parteienfinanzierung vorbei für Steinbrück locker machen – das hätte sich die Opposition nicht besser ausdenken können.

Nicht wenige Blogs haben zudem den schlechten (Schreib)Stil im PeerBlog kritisiert, während anderswo vom Bla-Revier geschrieben wird, kritisieren die Blogger auf ZEIT-ONLINE die Großmannssucht:

Es beginnt mit dem Ton. Der ist manchmal ziemlich plump: “Peer fordert zweites Duell – Merkel kneift”. Das könnte auch von der Pressestelle im Willy-Brandt-Haus kommen.

An anderen Stellen ist der Ton überaus großspurig. Kein geringerer als Barack Obama dient den Peer-Bloggern als Vorbild. Wie man gleich im ersten Absatz der Selbstdarstellung erfährt. Und, ja, auch die “arabischen Revolutionen” bezeichnen die Autoren lässig als ihre geistigen Paten. Kleiner geht es kaum.

Naja, das dürfte vermutlich eher Geschmackssache sein, außerdem müssen PR-Agenturen sich auch immer in ein Thema hineinschreiben, auf Anhieb findet vermutlich niemand den zu 100 Prozent richtigen Ton, auch wenn viele Agenturen das behaupten. Beim Berliner Tagesspiegel hingegen wirft man einen Blick auf die generellen Schwächen von Steinbrücks (digitalen) Auftritt, in einem lesenswerten Kommentar schreibt Christian Tretbar:

Steinbrück fehlt noch immer der Zugang zur Netzwelt. Weder er noch seine Mannschaft haben bisher einen Weg für eine angemessene Kommunikation gefunden. Mag sein, dass er im Netz nicht viel zu gewinnen hat – dafür ist es wohl schon zu spät. Aber er kann noch immer eine Menge dort verlieren.

Was vermutlich stimmt. Weder auf Facebook, noch auf Twitter macht Steinbrück eine gute Figur. Sein Twitteraccount, der fast ausschließlich vom Team gepflegt wird, lebt kaum noch, selbst die Tweets, die mit (ts) gekennzeichnet sind und vom “Team Steinbrück” stammen, erscheinen nur noch sporadisch, die letzte digitale Auszeit dauerte vom 28. Januar bis heute:

Twitterpause

Statt wenigstens zu versuchen, noch irgendwie auf die Diskussion um das PeerBlog einzugehen, lässt man sich einfach nicht mehr im Netz blicken. Auch eine Form der Krisenkommunikation, aber sicher nicht die, mit der man im Netz Freunde gewinnt. Da schneidet selbst die Kanzlerin besser ab, die um das Netz schlichtweg einen großen Bogen macht – auch wenn das alles andere als weitsichtig ist.

 

Diesen und weitere Blog-Artikel zu Public Relations (PR), Content, Marketing, Digitalisierung und Kommunikation gibt es im Görs Communications Blog auf https://www.goers-communications.de/pr-werbung-beratung/blog

Lesenswertes: Impressumsfehler und Abmahnungen, Twitter und Bluefin Labs, Zehn-Tage-Regel bei Empörungen und das PeerBlog

Das kann teuer werden: Wie allfacebook.de berichtet, haben professionelle Abmahner vor Gericht einen erneuten Sieg davon getragen. Diesmal sind nicht nur Privatnutzer betroffen, die Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen bekommen haben, sondern die Betreiber von Facebook-Fanseiten, worunter fast alle Firmenseiten fallen.

Und zwar geht es um fehlerhafte bzw. unvollständige Impressen. Und das durchaus im großen Stil, laut allfacebook.de wurden nachweislich über 180 Abmahnungen innerhalb einer Woche verschickt:

Dabei berief sich das abmahnende Unternehmen auf das Landgericht Aschaffenburg. Dieses hatte mit dem Urteil vom 19. August 2011 (Az.:2 HK O 54/11) entschieden, dass Facebookseiten ein Impressum benötigen. Zumindest solche, die nicht rein privat sind [...].

Dieses Urteil wurde vom Landgericht Regensburg ohne weitere Ausführungen bestätigt. Die Facebookseite ist ein selbständiger “Kanal”, mit dem entgeltliche Leistungen beworben werden. Punkt.

Weiter wird gewarnt, dass das Beispiel Schule machen könnte, allfacebook.de verweist dabei auch auf missliebe Konkurrenten:

Jedoch ist die Entscheidung zunächst in der Welt und mit ähnlichen Fällen ist zu rechnen. Auch mir wurden schon Abmahngeschäfte mit Impressumsfehlern bei Facebook vorgeschlagen. Dazu kommen in steigender Anzahl “anonyme” Tippgeber die mich (sinnloserweise) bitten, gegen ihre Konkurrenten vorzugehen. Nach dem jetzigen Urteil wird sich diese Tendenz sicher verstärken.

Den ganzen Artikel über den Prozess kann man unter der Überschrift Impressumsfehler auf Fanseiten – Massenabmahner siegen vor Gericht finden.

Wie Twitter gestern bestätigte, hat der Microbloggingdienst aus Amerika die Firma Bluefin Labs übernommen. Im Gespräch sind Summen von 40 bis 80 Millionen Dollar, das wäre dann die teuerste Übernahme in der Geschichte von Twitter. Bluefin Labs ist ein Dienst, der sich auf die Messung von TV-Reichweiten im Social Media-Bereich spezialisiert hat, die Übernahme zielt vermutlich vor allem auf die Erhöhung der Werbeeinnahmen durch gezieltere Werbung.

Das deutsche Wall Street Journal hat bereits im Vorfeld der Übernahme folgende Einschätzung abgegeben:

Darum wird es zumindest zum Teil Aufgabe von Bluefin sein, nach der Übernahme durch Twitter genau diese Deals mit potenziellen Werbekunden unter Dach und Fach zu bringen. Bluefin muss dafür sorgen, dass sowohl die Programmanbieter, aber auch die Marketingabteilungen den Wert des sozialen Netzwerkes erkennen und nicht nur einmal, sondern immer wieder investieren.

Mehr im Wall Street Journal unter: Warum Twitter Bluefin kauft – und warum sich Bluefin kaufen lässt.

In einem lesenswerten Kommentar setzt sich Rainer Stadler mit der Frage auseinander, wie lange ein Thema bei den Medien heiß läuft, seiner Meinung nach wird nach gut 10 Tagen schon die nächste Sau durch das (digitale) Dorf getrieben:

Statistisches zum Aufstieg und Niedergang von Skandalen ist mir nicht bekannt, doch erfahrungsgemäss dürften Empörungswellen nach zehn bis vierzehn Tagen ausklingen. Diese Faustregel scheint auch für die derzeitige Debatte um Sexismus zu gelten. Nach dem Startschuss des «Sterns» am 24. Januar meldeten sich Anfang dieser Woche bloss noch Nachzügler zu Wort.

Den ganzen Kommentar findet man bei der Neuen Züricher Zeitung unter der Überschrift: Die Zehn-Tage-Regel bei Empörungen.

Apropos Empörung: Dass Unternehmen ein Blog finanzieren, das Peer Steinbrück im Wahlkampf unterstützt, löst nicht gerade große Zustimmung im Netz aus. Die Mehrheit hält das Vorgehen nicht für sauber, einzelne Stimmen verteidigen das sogenannte “PeerBlog” jedoch auch. Bei Görs Communications sind wir uns noch unschlüssig, ob das Blog Steinbrück nützen wird, wenn der Start so holprig verläuft, statt hier im Blog eine Meinung einzunehmen, verweisen wir lieber auf die interessantesten Einschätzungen:

“Indiskretion Ehrensache” ist recht klar im Urteil, im Beitrag Das Peerblog: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde vertritt Autor Thomas Knüwer die Meinung, dass die “Freunde” Peer Steinbrück einen Bärendienst erwiesen haben. “Medistus Online News Magazin” beurteilt dies ähnlich, unter Das Peerblog – Wahlkampf nach US-Vorbild ein Schuß in den Ofen? wird vor allem die intransparente Finanzierung bemängelt. Deutlich differnzierter betrachtet Klaus Eck die Causa rund um das PeerBlog, trotz einiger Mängel schreibt er das Projekt unter Viel Lärm um nichts: das Peerblog noch nicht vollkommen ab.

 

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