17/09/2019

Lesenswertes: Web-Journalismus, Facebook-Bashing und Vine

Das t3n Magazin hat ein längeres Interview mit dem Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger über Web-Journalismus, den Medienwandel und seinen persönlichen Arbeitsalltag geführt.

Bemerkenswert ist seine persönliche Mediennutzung und seine ausgeprägte Technikaffinität, so antwortet er auf die Frage, wie er in der digitalen Nachrichtenflut Ordnung hält, mit folgenden Sätzen (Hervorhebung durch Görs Communications):

Ich nutze RSS-Feeds, um alle Branchennews zu scannen. Ansonsten lese ich viel auf dem iPad, vor allem die digitale Version unserer gedruckten Zeitung. Zudem besuche ich drei bis vier mal am Tag die Websites der großen deutschen Nachrichtenseiten. Das sind Süddeutsche.de, Spiegel Online, Zeit Online, manchmal noch FAZ.net, im internationalen Kontext Guardian und New York Times. Also da, wo mich die Medienmarken interessieren, konsumiere ich sie direkt, rufe die entsprechenden Websites auf. Und bei Blogs und anderen Geschichten nutze ich RSS-Reader und Twitter.Ich selbst reise zudem sehr viel und habe deshalb auch keinen festen Bürorechner mehr, sondern ein MacBook Air. Im Büro nutze ich ein Thunderbolt-Display als Dockingstation. Simpel zu bedienende, gut miteinander synchronisierende Arbeitsgeräte – namentlich iPhone, iPad und MacBook – sind immens wichtig für mich.

Natürlich ist er insofern ein Sonderfall, da er erst 36 Jahre alt ist und Chef eines Online-Mediums ist, aber zumindest bei jüngeren Journalisten dürfte der Arbeitsalltag nicht viel anders aussehen – und die älteren Journalisten müssen sich über kurz oder lang anpassen. Gefragt, warum der deutsche Medienmarkt den Entwicklungen in Amerika hinterherhinkt, nennt Plöchinger zunächst die unterschiedliche Marktstruktur mit den Platzhirschen Bild und Spiegel, verweist aber auch auf die unterschiedliche digitale Kultur:

Der zweite Grund für dieses Hinterherhinken in Deutschland: Der digitale Medienbruch hat im angelsächsischen Raum schon früher eingesetzt. Die Verbreitung von Smartphones und Tablets, gerade in den Innovationszentren dieser Länder, ist einfach schon länger viel größer. Die deutsche Bevölkerung hat die neuen Medien noch nicht so stark angenommen und akzeptiert, deswegen gibt es auch einfach weniger Handlungsdruck seitens der Verlage bezüglich neuer Geschäftsmodelle im Internet.

Eine Feststellung, die sich auch schon in der Nutzung von Twitter als Wahlkampfplattform gezeigt hat. Das vollständige Interview mit Stefan Plöchinger findet man hier auf t3n.

Thomas Hutter setzt sich zudem in einem äußerst lesenswerten Blogbeitrag mit dem derzeit so beliebten Facebook-Gebashe auseinander, als Aufhänger dient ihm ein Blogpost von Daniel Mack, Sprecher für Netzpolitik und Sport bei den Grünen in Hessen. Besonders stoßen ihm die Verallgemeinerungen beim allseits beliebten Thema Datenschutz und die permanente Kritik an den Werbeschaltungen auf:

Welche Daten über eine App freigegeben werden, bestimmt bereits heute der Benutzer bei der Autorisierung einer Applikation, der Nutzer wird in keinem Fall gezwungen die Daten freizugeben, bzw. erhalten Applikationen keine Daten automatisch von Facebook [...]. Ebenfalls bestimmt der Nutzer transparent, welche Daten Freunde von ihm über eine Applikation freigeben kann [...]. Warum eine Datenfreigabe für individualisierte Werbung notwendig sein soll, entzieht sich meiner Phantasie. Ist es nicht vielmehr so, dass viele der gängigen Internetplattformen auf Grund meines Nutzerverhaltens individualisierte Werbung ausliefert? Google beispielsweise liefert mir Werbung anhand meines Standortes, meines Internetzugangs (Mobile vs Desktop), ja, sogar auf Grund meiner Suchanfrage direkt auf den Bildschirm. Remarketing ist bei vielen Plattformen aktiviert. Webseiten erkennen anhand von Cookies, ob ich bereits eine Werbeanzeige geklickt habe, und falls nicht und die Anzeige wurde schon mehrmals gezeigt, ändert sich plötzlich das Sujet… Was ist daran schlimm? Wo liegt das Problem, dass ich Werbung angezeigt bekomme, die mit meinen Interessen möglicherweise korrespondiert? Willkommen im Internet! Willkommen im Jahr 2013!

Auch wenn die Absätze teilweise sehr polemisch geschrieben sind, geht Hutter auf die vielen Vorwürfe sehr detailliert und sachlich ein, man wünschte sich, die notorischen Facebook-Kritiker würden ähnlich differenziert argumentieren. Zu dem Beitrag geht es hier.

Die TAZ hat sich gut eine Woche nach dem Start mit Twitters neuem Videodienst Vine auseinandergesetzt, bei dem die User Videos mit einer Gesamtlänge von sechs Sekunden hochladen können – also in etwa der Aufmerksamkeitsspanne, die man schon von den 140-Zeichen-Tweets kennt. Probleme bereitet Twitter dabei vor allem das leidige Thema Pornographie, wie so oft sind die Vertreter dieser Branche die Early Adopter und legen dabei auch noch eine unangenehme Aggressivität an den Tag:

Schnell zu erkennen ist aber auch, dass es mittels Vine inzwischen auch allerlei Freizügiges auf Twitter zu sehen gibt. Unter entsprechenden Tags, die man über die Vine-App aufrufen kann, fand sich schon nach wenigen Tagen Pornographisches. Peinlicherweise schaffte es einer der Hardcore-Clips sogar am Montag in die „Von der Redaktion empfohlen“-Rubrik, die jeder Neunutzer als erstes vorgesetzt bekommt. „Menschliches Versagen“ sei das gewesen, kommentierte ein Twitter-Sprecher.

Den Artikel mit der bezeichnenden Überschrift “Zu viel #porn bei Vine” findet man im Online-Angebot der TAZ hier.

 

Diesen und weitere Blog-Artikel zu Public Relations (PR), Content, Marketing, Digitalisierung und Kommunikation gibt es im Görs Communications Blog auf https://www.goers-communications.de/pr-werbung-beratung/blog

Zeitungskrise: Onliner sehen Print nicht kurz vor dem Aussterben

Surfer geben der klassischen Zeitung eine Zukunft – aber in gewissen Grenzen: Das Spectos-Institut hat insgesamt 1.728 Internet-User über ihr Verhältnis zu Zeitungen, Nachrichten und der Mediennutzung befragt. Das Ergebnis ist eher durchwachsen, insgesamt fielen die Antworten folgendermaßen aus:

  • Auf die Frage “Denken Sie persönlich, dass gedruckte Zeitungen in Zukunft aussterben werden?” antworteten 26,4 Prozent mit Ja, 73,6 Prozent mit Nein. Knapp drei Viertel aller User gehen also davon aus, dass Print eine Zukunft hat – angesichts der im Netz gängigen Beschimpfung des “Totholzes” doch ein eher hoher Wert.
  • Die Qualität von Zeitungen wurde sehr hoch eingeschätzt, auf die Frage “Wie zufrieden sind Sie mit der Qualität der erhältlichen gedruckten Zeitungen?” erhielten die Blätter auf einer Skala von 1 bis 5 einen Punktedurchschnitt von 3,8.
  • Die Gründe für das Zeitungssterben werden hauptsächlich in den Kosten gesehen, auf die Frage “Viele Menschen haben heutzutage kein Abonnement mehr für gedruckte Zeitungen, Zeitschriften oder Magazine. Was denken Sie, was ist der Hauptgrund?” gaben 38.95 Prozent an, dass die Informationen kostenlos im Internet verfügbar sind, 31.29 Prozent, dass die Abos zu teuer sind, 25.1 Prozent monierten die fehlende Zeit zum regelmäßigen Lesen und 4,66 Prozent machten ein Desinteresse an Nachrichten aus. Bedenkt man, dass “kostenlose Informationen im Internet” und “teure Abos” zusammenhängen, dann ist der Kostenblock für 70 Prozent entscheidend.
  • Gefragt, ob die Surfer selbst noch ein Abo (“In der Vergangenheit war immer wieder vom „Zeitungssterben“ zu hören. Besitzen Sie noch ein Zeitungs-Abonnement für gedruckte Zeitungen, Zeitschriften oder Magazine?”) besitzen, bejahten 65,9 Prozent die Frage, 34,1 Prozent verneinten sie.
  • Das Ergebnis zur bevorzugten Nachrichtenquelle überrascht auch, die Frage “Es gibt verschiedene Wege, sich über aktuelle Nachrichten zu informieren. Welche Möglichkeit nutzen Sie am liebsten?” wurde zu 45,5 Prozent mit Fernsehen, 37,5 Prozent mit der gedruckten Zeitung, 12,3 Prozent mit Online-Zeitungen und mageren 2,2 Prozent mit mobilen Zeitungen (Apps) beantwortet.

Insgesamt fällt auf, wie gut die Bewertungen der klassischen Print-Zeitung in der Umfage ausfällt. Dass die Abozahlen gleichzeitig seit Jahren rückläufig sind – und damit auch die Werbeeinnahmen; Görs Communications berichtete hier im Blog – lässt sich nur sehr schwer aus der Umfrage herleiten. Am ehesten trifft noch die Redewendung aus dem Matthäus-Evangelium zu: “Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach” zu. Im Prinzip schätzt man Zeitungen, man ist aber gleichzeitig nicht bereit, dafür auch zu zahlen.

 

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