17/11/2019

Twitternde Politiker: Amerika top, Deutschland mittelmäßig

Eine mehr als beeindruckende Zahl, die Twitter kurz vor der Vereidigung von US-Präsident Obama verkündet hat. Neben dem Präsidenten, dem auf  Twitter mittlerweile gut 26 Millionen User folgen, twittern mittlerweile alle einhundert Senatoren, bei den Abgeordneten des Repräsentantenhauses liegt die Quote bei 90 Prozent, 398 (von insgesamt 435) Abgeordnete setzen regelmäßig 140-Zeichen-Nachrichten ab:

 

Angesichts der US-Zahlen haben deutsche Blogger nachgerechnet, wie hoch denn der Anteil der Twitter-User unter den deutschen Parlamentariern ist. Laut SocialPunk liegt die Quote bei doch eher bescheidenen 40,8 Prozent, 253 Bundestagsabgeordnete sind demnach bei Twitter angemeldet, 367 ignorieren die Social Media-Kommunikationsplattform. Den höchsten Anteil hat dabei die Grünen Fraktion (69% der grünen MdBs twittern), gefolgt von der FDP (58%), der Linke (49%), der SPD (36%) und schließlich der Union (26%).

Wie kommt der Unterschied zwischen Amerika und Deutschland zustande?
Sucht man nach Gründen für die unterschiedliche Nutzung des Microblogging-Dienstes, dann muss natürlich zunächst das unterschiedliche Digitalverhalten auf den beiden Seiten des Atlantiks genannt werden. Amerika gehört noch immer zu den digitalen Vorreitern, viele Internet-Trends schwappen erst später nach Deutschland über, der durchschnittliche Amerikaner nutzt das Internet stärker als der durchschnittliche Deutsche, außerdem werden neue Anwendungen deutlich schneller adaptiert. Zudem legt die “Elite” in Amerika ein deutlich anderes Digitalverhalten an den Tag, so sind etwa bloggende und twitternde Professoren in den USA so etwas wie der Normalfall, während viele deutsche Professoren das Netz als nicht standesgemäß empfinden. Insgesamt  besteht also ein Klima, das die amerikanischen Politiker deutlich schneller zu Twitter greifen lässt, als die deutschen Pendants.

Außerdem sollte man die Auswirkungen des Wahlrechts nicht gering einschätzen. In Amerika gibt es keine Listenplätze, jeder Politiker wird direkt gewählt. Und das gleich doppelt: Wie bei den Präsidentschaftswahlen muss sich jeder Abgeordnete des Repräsentantenhauses und jeder Senator zunächst in den Primaries (Vorwahlen) gegen die Konkurrenz aus der Partei durchsetzen, bevor er überhaupt zur Wahl aufgestellt wird. Gegenüber den deutschen Politikern, die eher parteiintern auf einen guten Listenplatz schielen, erhöht das natürlich den Druck, bekannter und populärer in der Bevölkerung zu werden – was dazu führt, dass die Politiker möglichst jede erfolgversprechende Kommunikationsform nutzen.

Zudem gibt es in den USA einen starken Obama-Faktor. Obama hat bei seiner ersten Präsidentschaftswahl 2008 massiv auf soziale Medien gesetzt – und das mit beachtlichem Erfolg. Dadurch entsteht natürlich auch bei den Gegnern ein Vorbild-Charakter, selbst erzkonservative republikanische Abgeordnete aus dem Bible Belt wollen zumindest in der Nutzung der modernen Kommunikationsformen ein kleiner Obama sein. Angela Merkel hingegen hat erst jüngst erklärt, dass sie auch nicht zur kommenden Bundestagswahl twittern will.

Ein weiterer Grund sind die Wahlen selbst: Natürlich wird jeder Politiker (wenn er denn was von Kommunikation versteht) sagen, dass er die sozialen Medien zum “digitalen Austausch” oder wegen der “tollen demokratischen Partizipationsmöglichkeiten” nutzt, aber entscheidend dürfte dann doch für die meisten eher der Wahlkampf sein. Bestes Beispiel hierfür sind die ganzen Twitter-Accounts von Politikern, die in der Wahlkampfzeit eröffnet werden, um dann aber nach der Wahl ein Schattendasein zu fristen. Und da in Amerika erst jüngst gewählt wurde (und das Repräsentantenhaus eh alle zwei Jahre gewählt wird) und in Deutschland der Wahlkampf für die Bundestagswahl noch nicht richtig angelaufen ist, dürfte der Vergleich USA-Deutschland durch den Zeitpunkt etwas verzerrt sein.

In acht Monaten (Bundestagswahl ist am 22. September 2013) dürfte die große Lücke zwischen den twitternden Politikern in Amerika und in Deutschland deutlich kleiner geworden sein, eine Voraussage, die Görs Communications gleich nach der Wahl hier im Blog unter Beweis stellen wird.

 

Diesen und weitere Blog-Artikel zu Public Relations (PR), Content, Marketing, Digitalisierung und Kommunikation gibt es im Görs Communications Blog auf https://www.goers-communications.de/pr-werbung-beratung/blog

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