26/05/2016

Netzneutralität in Gefahr? Stimmen zur Tempo-Drosselung der Telekom

Während die Talkshows von Uli Hoeneß, die Zeitungen vom Götze-Wechsel und natürlich dem 4:0 der Bayern und dem 4:1 der Dortmunder dominiert werden, schreibt sich das halbe Netz die Finger über die neuen Internet-Tarife der Telekom wund. Dabei werden die bisherigen DSL-Tarife des ehemaligen Monopolisten ab Mai durch  vier Varianten abgelöst werden, wobei der Basistarif 16 Mbit/s bei einem Maximalvolumen von 75 GB bietet und die leistungsstärkste Variante 200 Mbit/s bis zu einem maximalen Kontingent von 400 GB. Überschreitet ein Nutzer das Volumen, kann er entweder zusätzliches Volumen hinzubuchen oder er muss mit stark gedrosseltem Tempo durch’s Internet surfen. 384 Kbit/s, um genau zu sein, was eine Temporeduzierung auf 2,4 Prozent (höchstens!) bedeuten würde.

Insgesamt hört sich das nicht wirklich spannend an, aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Dabei ist für viele Kommentatoren im Internet noch gar nicht mal das gedrosselte Tempo (“…langsamer als eine Stechmücke“) oder die Größe der Datenpakete entscheidend, sondern ein kleiner, aber feiner Nebenaspekt. Die Telekom, die die volumenbegrenzten Flatrates als “neue Spielregeln” bezeichnet, hat gleichzeitig angekündigt, dass die eigenen Dienste wie “Entertain” oder die Kooperation mit dem Musikstreamingdienst “Spotify” nicht unter die Drosslung fallen. D.h., dass jemand, der seine 75 GB verbraucht hat, im Schneckentempo unterwegs ist, außer er nutzt Telekom-Dienste oder Telekom-Kooperationen.

Und genau diese Besserbehandlung bringt die Netzgemeinde so sehr auf, dass sich jetzt sogar Wirtschaftminister Rösler genötigt sah, den Telekom-Chef Obermann darauf hinzuweisen, dass die zuständigen Behörden das Vorgehen “sehr sorgfälltig beobachten”.  Grund hierfür ist die sogenannte “Netzneutralität“, die bisher dem Datentransfer im Internet zugrunde lag. Wenn die Tarifpläne der Telekom umgesetzt werden, würden nicht mehr alle Datenpakete gleich, sondern je nach Absender ungleich behandelt werden. Es würde eine Art “digitale Diskriminierung” entstehen, wie die Piratenpartei meint. Und dadurch wird ein Dammbruch befürchtet, auch wenn die Konkurrenten der Telekom (bisher) verneinen, auf den Zug aufspringen zu wollen.

Die Diskussion dreht sich also nicht um schnöde Tarifänderungen, sondern um das Prinzip (der Netzneutralität). Und wie immer, wenn es um das Prinzip geht, heizt sich die Diskussion erst richtig auf, einzelne Politiker fordern sogar schon, dass das Netz wieder verstaatlicht wird – es schwirren so viele Links, Artikel und Blogposts und Twittermeldungen durchs Internet, dass so mancher ein paar Meter über das Ziel hinausschießt. Um trotzdem einen Überblick über die Stimmungslage zu bieten, haben wir ein paar Stimmen aus dem Netz gesammelt.

Stimmen zur Tempo-Drosselung und der Netzneutralität

Für die Kunden ergeben sich durch differenzierte Angebote neue Möglichkeiten einen nach den individuellen Bedürfnissen zugeschnittenen Tarif zu finden. [...] Was spricht dagegen dies zuzulassen? Durch eine gesetzlich festgeschriebene Netzneutralität würden Produkt- und Tarifinnovationen verhindert. Ökonomisch betrachtet, ist die Abkehr vom Prinzip einer strikten Netzneutralität also durchaus effizient.

ÖkonomenBlog

Wenn Preisdifferenzierung nicht möglich ist und jeder das Selbe für eine Flatrate gleicher Geschwindigkeit zahlt, dann stauen sich irgendwann die Daten und jeder muss tiefer in die Tasche greifen, egal, ob er das Internet nun zum gelegentlichen Surfen oder zur Dauerübertragung riesiger Datenmengen nutzt.

Blog des Liberalen Instituts

In ihrem Blog titelte die Telekom einmal von “neuen Spielregeln” für das Netz. Aber nicht die Telekom legt die Spielregeln fest und der ominöse Markt regelt sich auch nicht selbst. Der Markt wird von der Politik geregelt und die Telekom macht mit dieser arroganten Überschrift deutlicher denn je, warum eben diese Regulierung nötiger ist denn je.

Die Raummaschine

Die heutige Ankündigung der Deutschen Telekom ist nicht mehr und nicht weniger als ein Offenbarungseid. Seht her, wir haben in all den Jahren verpennt uns neu zu positionieren. Ja im Grunde genommen sind sie nie über die Evolutionsstufe des “wir legen dir einen Internetanschluss” bzw. “hier ist dein Mobilfunkvertrag mit Vielsurfer-Paket” hinausgekommen und erhalten dafür nun die Rechnung.

Mobile Geeks

Der Krieg der Inhalte- und Dienste-Anbieter ist eröffnet. Spotify und die Telekom haben den Anfang gemacht, als Telekom-Mobil-Kunden der über Spotify entstehende Traffic nicht mehr auf ihren Datenverbrauch angerechnet wurde.

Spreeblick

Das schrittweise Aushebeln der Netzneutralität durch die Telekom, erst durch das Bundling mit Spotify, dann durch eine Kooperation mit Evernote, jetzt durch die Veränderung der Tarifstruktur und der Exklusion der IPTV-Inhalte der Telekom, sorgt für eine Ungleichbehandlung der Daten und geht damit zu Lasten der Kunden und der Vielfalt im Netz.

Lummaland

Netzneutralität muss vom Lippenbekenntnis zur gesetzlich festgeschriebenen Garantie werden. Und Internetanbieter müssen an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung erinnert werden. Notfalls durch Verstaatlichung. Denn sie sind dem Gemeinwohl verpflichtet.

spektrallinie

Was die Telekom macht, ist nur ein Vorstoß. Wenn aber die anderen großen Anbieter nachziehen, ist somit die Netzneutralität ganz entscheidend in Gefahr. Denn dann ist es auch ganz einfach, irgendwann komplett zu bestimmen, welche Medien wir lesen, welche Plattformen wir nutzen und was wir überhaupt im Internet so machen. Ganz wie in China eben.

Gemacht mit Liebe

Trackbacks

  1. [...] zum Schluss ein Nachtrag zu den Drosselplänen der Telekom: Der Konzern lässt die Kritik anscheinend an sich abperlen, jetzt sind sogar die offiziellen AGBs [...]

  2. [...] Gericht, die Tempo-Drosselung der Telekom hat jetzt auch ein rechtliches [...]

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