29/06/2016

Facebook Home


Ob das die passende Antwort auf die schwache Entwicklung der Nutzerzahlen bei Facebook ist? Gestern hat Mark Zuckerberg das lange angekündigte Facebook-Handy präsentiert – und nach Meinung von Görs Communications ist eine gehörige Portion Skepsis angebracht.

Derzeit hat Facebook mit mehreren gravierenden Problemen zu kämpfen. Zum einen wird der Nutzerkreis des sozialen Netzwerkes zunehmend älter, was per se kein Nachteil sein muss. Nicht wenige Jugendliche, die in der Regel die Trends im Internet vorgeben, finden es alles andere als “cool”, wenn sogar die eigene Großmutter einen Facebook-Account hat und ziehen deshalb lieber zu Konkurrenten wie Twitter oder Tumblr weiter. Kurzfristig schadet das dem Unternehmen kaum, langfristig könnte der Schwund an jugendlichen Nutzern jedoch das Facebook-Image nachhaltiger lädieren, als jede Datenschutzdebatte.

Zum anderen wachsen die generellen Nutzerzahlen kaum noch, es scheint, als hätte das zuvor wachstumsverwöhnte Facebook sowohl in Deutschland als auch weltweit die gläserne Decke erreicht. Schlimmer noch: Die Nutzer verbringen immer weniger Zeit auf Facebook, die Interaktion lässt nach. Entweder, weil immer mehr Nutzer bewusst die Hände von dem “Zeitfresser Facebook” lassen, zum anderen sind mehr und mehr Nutzer von dem Dienst schlichtweg gelangweilt.

Zudem bereitet der Siegeszug der Smartphones Facebook Probleme. Eigentlich müsste es das Unternehmen zwar begrüßen, wenn die Nutzer dank mobilem Internet jederzeit auf Facebook zugreifen können, wenn da nicht das Problem mit der Werbung wäre, über die sich der gesamte Spaß finanziert. Und da probiert Facebook zwar einiges aus, hat aber bis heute keinen Weg gefunden, wie auf dem Smartphone Werbung so platziert werden kann, dass adäquate Einnahmen erzielt werden können – also genau das, was die gebeutelten Aktionäre des Unternehmens seit langem erwarten.

Neue Heimat Facebook Home?

FacebookHomeDass das Facebook-Handy den Namen “Home” verpasst bekommen hat, ist durchaus als Ansage zu verstehen. Abgesehen von netten Marketing-Sprüchen (“Putting People First“) möchte Facebook primär, dass die Nutzer mit dem Smartphone praktisch ständig bei Facebook zu Hause sind. Hat das Internet-Unternehmen damit Erfolg, dann würde die Nutzerbindung des sozialen Netzwerkes deutlich stärker als zuvor sein, was den Nutzerschwund vergessen machen dürfte. Außerdem – nicht gerade unwichtig – erschließen sich für Facebook ganz neue Möglichkeiten der mobilen Werbung, wenn das Unternehmen uneingeschränkten Zugriff auf die Anpassung des Smartphones hat.

Und “Anpassung” trifft das Facebook-Handy ziemlich genau: Statt ein eigenes Gerät oder ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln, kommt Facebook Home Huckepack auf dem Android-System von Google daher. Der Nutzer hat zukünftig wahlweise die Möglichkeit, sich ein Smartphone mit vorinstalliertem Facebook Home-Softwarepaket zu kaufen (wie etwa das vorgestellte HTC First zum Preis von knapp 100 Dollar), oder sich das Softwarepaket herunterzuladen, um aus seinem “normalen” Android-Smartphone eine Facebook-Handy zu machen. Unterstützt wird zunächst nur eine kleinere Auswahl (HTC One, HTC One X, HTC One X+, Samsung Galaxy S3, Samsung Galaxy S4 und Samsung Galaxy Note 2), die aber vermutlich sukzessive ausgeweitet wird.

Dabei handelt es sich nicht nur – wie man es kennt – um eine einfache App, sondern um einen massiven Eingriff in das Android-System, das so aufgebohrt wurde, dass man praktisch ständig mit den Diensten von Facebook konfrontiert wird, wie DIE ZEIT treffend bemerkte:

Bei Home ist der Name Programm. Ist die kostenlose Software installiert, zeigt der Homescreen der Geräte keine Apps und Werkzeuge mehr, er zeigt nur noch einen ständigen Strom von Facebook-Botschaften. Die sind dann bereits auf dem sogenannten Lockscreen zu sehen, also bevor das Gerät entsperrt wurde und der eigentliche Schreibtisch erscheint. Und sie können bedient werden; ein Doppelklick auf das Bild erzeugt sofort einen Like. Auch Kommentare sind in dieser Ebene bereits möglich.

Setzt sich Facebook Home durch?
Wie schon zu Beginn des Blogposts geschrieben, dürfte eine gewisse Skepsis angebracht sein, was den Erfolg betrifft. Die Lösung ist zwar sehr billig, aber es gibt keine Killerapplikation, die Facebook Home attraktiv macht, bei netzwertig.com heißt es etwa etwas zurückhaltend “Inwieweit Home über den Neuigkeitseffekt hinaus tatsächlich einen Mehrwert besitzt, der aus Anwendersicht eine derartig tiefgehende Integration mit dem Betriebssystem rechtfertigt, lässt sich aus der Ferne nur schwer beurteilen.” Abgesehen von der extrem Facebook-affinen Zielgruppe dürfte das Interesse doch eher gering sein, sich freiwillig in die “geschlossen Welt von Facebook” zu begeben, wenn kein echter Mehrwert zu erkennen ist. Auch stellt sich die Frage, welchen Grund es geben sollte, sich einen Startbildschirm zu installieren, der einen permanent mit Facebook-Meldungen überflutet, selbst bei der ansonsten zurückhaltenden Tagesschau wird nicht ohne Grund bereits von der “aufdringlichen App” gesprochen.

Trackbacks

  1. [...] letzte Facebook-Thema in der heutigen Webschau: Auf Spiegel-Online setzt sich Sascha Lobo mit Facebook Home auseinander, unter “Facebook definiert das Socialphone” sieht er in dem Gerät (ein [...]

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